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Bedarf an Fachkräften steigt
Die Entwicklung von sozialen Kompetenzen der Jugendlichen ist eine der Kernaufgaben, so Carola Schaar.
Foto: IHK Halle-Dessau
aktualisiert am 16.02.2013 um 14:39:59

Bedarf an Fachkräften steigt

Bitterfeld (jm). Zum einen stagnierende Zahlen auf dem Arbeitsmarkt und andererseits fehlende Fachkräfte. Ein Widerspruch, über den der Bitterfelder Spatz mit der Präsidentin der IHK Halle-Dessau, Carola Schaar sprach.

Bitterfelder Spatz: Wie sieht es mit dem Fachkräftemangel im Bereich Bitterfeld/Gräfenhainichen aus? Sind genug gut ausgebildete Fachkräfte vorhanden? Ist weiterhin ein Trend zur Abwanderung der Jugend zu erkennen?
Carola Schaar: Das Problem hat natürlich viele Facetten, aber ganz pauschal kann man schon einen steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften feststellen. Seit 2007 nimmt die Zahl unserer Mitgliedsunternehmen, die ihren Fachkräftebedarf nicht decken können, stetig zu. Zuletzt lag der Anteil bei circa 40 Prozent. In den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg liegt er nur geringfügig darunter.

Bitterfelder Spatz: Woran liegt das?
Carola Schaar: Die Gründe liegen weniger in der Ausbildung oder der Abwanderung, sondern in der Demografie – genauer: im demografischen Wandel. Der Rückgang der Geburtenrate nach der Wiedervereinigung macht sich massiv bemerkbar. Er sorgt dafür, dass heute nur wenige junge Leute in dieser Altersgruppe zur Verfügung stehen, um die ausscheidenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Statistisch hilft das zwar beim Abbau der Arbeitslosigkeit, führt aber auch dazu, dass freie Stellen teilweise nicht besetzt oder Arbeitsplätze gar nicht erst geschaffen werden können. Das beschränkt unser zukünftiges Wachstum.

Bitterfelder Spatz: Was halten Sie von Mindestlohn? Sollte der Lohn von staatlicher Stelle vorgegeben werden?
Carola Schaar: Um es offen zu sagen: Ich halte nicht viel von Mindestlöhnen, am wenigsten von einem gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn. Nein, der Lohn sollte nicht von staatlicher Stelle vorgegeben werden. Ich erinnere daran, dass wir gerade hier in Ostdeutschland staatlich festgelegte Löhne schon einmal hatten. Und wir alle wissen, was das bedeutete: Das Leistungsprinzip wurde ausgehebelt. Damit waren sehr viele Menschen unzufrieden; nicht wenige sind unter anderem deshalb auf die Straße gegangen, weil sie die mit dieser Gleichmacherei verbundene mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeitsleistung satt hatten. Und heute? Welchen Sinn soll es haben, jetzt wieder ausgerechnet nach dem Staat zu rufen, der es doch bitte richten möge? Ich bezweifle sehr stark, dass wir damit die Zukunft gewinnen werden.

Bitterfelder Spatz: Können Sie diese Zweifel konkretisieren bzw. Ihre Ablehnung noch näher begründen?
Carola Schaar: Gern. Wenn ich darf, will ich das in drei Schritten tun: Erstens – und damit gleich vorweg: Arbeit muss sich lohnen! Ich bin sehr dafür, dass jemand, der arbeitet, netto spürbar mehr zur Verfügung hat, als jemand, der nicht arbeitet. Leider ist das heute keineswegs immer der Fall. Kurzum: Das Arbeiten lohnt sich für zu viele Menschen kaum noch. Zweitens: Ein gesetzlicher Mindestlohn setzt an der falschen Stelle an. Seine Befürworter führen gern ins Feld, jeder müsse doch von seiner Hände Arbeit leben können. Das klingt gut und spricht wohl jeden Menschen – mich auch – emotional an. Doch leider verwechseln die Befürworter des Mindestlohns Lohn und Einkommen. Nur ein Beispiel: Was man zum Leben braucht, hängt maßgeblich vom Familienstand ab. Fragen Sie doch mal die Mindestlohnbefürworter, ob sie ernsthaft wollen, dass Unternehmer ihre Personaleinstellungen zukünftig vom Familienstand abhängig machen sollen. Drittens: Ein gesetzlicher Mindestlohn nützt nur dem, der ihn auch tatsächlich bekommt – also nur derjenige, der einen Arbeitsplatz hat und auch behält! Eines ist gewiss: Das werden nicht alle Menschen sein, die heute im so genannten Niedriglohnbereich beschäftigt sind. Gerade hier wirkt der Mindestlohn nämlich wie ein faktisches Arbeitsverbot. Gewiss, einige Arbeitnehmer könnten diese staatliche Lohnerhöhung bei ihrem Arbeitgeber „durchsetzen“, aber sicher nicht alle. Gerade Menschen mit geringer Qualifikation werden überproportional stark außen vor bleiben. Ist das gerecht? Außerdem würden steigende Arbeitslosenzahlen und ein damit verbundener Anstieg der Steuer- und Abgabenbelastung letztlich alle Unternehmen belasten – auch jene, die gar nicht direkt von einem Mindestlohngesetz betroffen wären. Auch hier: Gerechtigkeit sieht anders aus!

Bitterfelder Spatz: Gibt es Beispiele für diese Entwicklung?
Carola Schaar: Leider zuhauf! Zu welch negativen Konsequenzen das führen kann, kann man aktuell in Griechenland, Spanien oder Portugal beobachten. Dort überall sind es auch gesetzliche Mindestlöhne, die einem Viertel der erwerbsfähigen Bevölkerung faktisch das Arbeiten verbieten. Auch die erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern oder auch etwa in Frankreich spricht Bände. In der Schweiz hingegen gibt es keine Mindestlöhne, und das ist einer der Gründe dafür, dass dort praktisch Vollbeschäftigung und der höchste Lebensstandard in Europa herrscht. Mindestlöhne sind faktische Arbeitsverbote, die nicht Wohlstand schaffen, sondern verhindern oder gar vernichten.

Bitterfelder Spatz: Bremst ein Mindestlohn eventuell sogar die wirtschaftliche Entwicklung der Region?
Carola Schaar: Diese Befürchtung ist nicht abwegig, denn Arbeitsverbote sind immer schädlich. Aber ein besonderes Problem kommt hinzu, wenn ein einheitlicher Lohn für sehr unterschiedliche Regionen gelten soll: Unsere vielen kleinen und mittleren Unternehmen würden von einem Mindestlohngesetz viel stärker direkt getroffen als zum Beispiel Großunternehmen in Westdeutschland. Der Mindestlohn würde also den Wettbewerb verzerren, und die Verzerrung würde unter dem Strich zulasten der ostdeutschen Wirtschaft ausfallen. Das würde dann auch die hiesige Region belasten. Selbst das ist aber nur ein Teilaspekt des Problems: Bedrohlicher ist die durch höhere Arbeitslosigkeit nahezu zwangsläufig steigende Steuer- und Abgabenbelastung. Denn diese Belastung trifft am Ende alle Unternehmen, ob groß oder klein, Ost oder West, mit hohen oder niedrigen Löhnen. Und sie trifft natürlich auch die Arbeitnehmer, weil die ja ebenfalls Steuern und Sozialabgaben zahlen.

Bitterfelder Spatz: Wie könnte aus Ihrer Sicht ein Lohnmodell aussehen, in dem Erwerbstätige eventuell nicht mehr durch Hartz IV unterstützt werden müssen?
Carola Schaar: Ich sehe eines der Grundübel unseres Sozialsystems darin, dass es viel zu kompliziert ist. Die Menschen haben das Gefühl, einem übermächtigen bürokratischen Apparat ausgeliefert zu sein, demgegenüber sie als Bittsteller auftreten müssen. Besonders wenn man arbeitet, will man aber nicht als Bittsteller auftreten. Hinzu kommt, dass so ein Apparat selbst einen großen Teil des Geldes verbraucht, das eigentlich für die Betroffenen da sein sollte. Wir sollten also dringend für ein einfacheres Sozialsystem sorgen. Im Idealfall könnten wir die vielen verschiedenen Sozialleistungen zu einer einzigen Leistung zusammenfassen, die in Abhängigkeit von der Höhe des sonstigen Einkommens ausgezahlt wird. Und das am besten automatisch, also ohne Anträge, Bürokratie und Behörden. Wahrscheinlich werden wir eine so radikale Vereinfachung nicht erreichen. Aber wir sollten zumindest versuchen, uns in diese Richtung zu bewegen. Konkret etwa ließen sich alle Arbeitsplätze unterhalb eines bestimmten, vergleichsweise niedrigen Lohnniveaus zumindest von der Sozialversicherungspflicht befreien. Die Wirtschaftsprofessoren Weimann und Schöb haben dies bereits vor Jahren mit ihrer so genannten „Magdeburger Alternative“ überzeugend nachgewiesen. Ich würde mir den politischen Mut wünschen, dieses Modell einmal als Pilotprojekt anzuwenden. Dann, da bin ich mir sicher, hätten wir einen echten neuen Exportschlager aus Sachsen-Anhalt!

Bitterfelder Spatz: Wie bewerten Sie generell die Hilfe aus dem Sozialsystem?
Carola Schaar: Generell sehe ich kein Problem darin, dass Menschen arbeiten und zugleich Einkommenstransfers erhalten. Natürlich ist das nicht der Idealzustand. Aber Einkommenstransfers machen nun einmal einen Sozialstaat aus. Wenn das, was am Markt an Einnahmen erzielt werden kann – sei es durch abhängige Beschäftigung, sei es durch berufliche Selbständigkeit –, für den Lebensunterhalt nicht ausreicht, muss die Solidargemeinschaft einspringen. Für diesen guten und unverzichtbaren Zweck zahle ich dann auch gerne Steuern. Mit dem Polemisieren gegen das so genannte „Aufstocken“ jedenfalls – das übrigens gerade in Ostdeutschland auch immer mehr Selbstständige betrifft – ist niemandem geholfen. Aber Solidarität ist keine Einbahnstraße. Deshalb ist es mir lieber, jemand schaut erst einmal, wie weit er durch eigene Arbeit kommt und erhält dann, wenn nötig, eine Transferzahlung dazu, als dass jemand von vornherein gar nicht erst aktiv wird und gleich volle Transferzahlungen erhält. Denn letztlich können wir Wohlstand nicht anders erzeugen als durch Arbeit. Hinzu kommt: Es ist genau diese und keine andere Unterstützungslogik, die dem Sozialstaatsgedanken entspricht.

Bitterfelder Spatz: Ist eine Quotenregelung für Führungspositionen sinnvoll oder sollte die Qualifizierung und damit der Markt über die Besetzung von Führungspositionen entscheiden?
Carola Schaar: Ich bin gegen Quotenregelungen, denn ich halte es für keine gute Idee, vermeintliche oder echte Ungerechtigkeiten mit neuen Ungerechtigkeiten bekämpfen zu wollen. Als Unternehmerin empfinde ich es schon als etwas merkwürdig, wenn man mir vorschreiben will, wen ich für eine Führungsposition in meinem Unternehmen einstellen und bezahlen darf und wen nicht. Wenn man mit Quoten in einem Bereich erst einmal anfängt, dann kann man sie gleich für alles Mögliche einführen. Wenn am Ende unsere ganze Gesellschaft quotenreguliert ist, dann ist das Leistungsprinzip restlos ausgehebelt und die Freiheit tot. Wir sollten deshalb mit Quoten sehr vorsichtig sein. Es sind doch letztlich immer die Menschen selbst, die sich untereinander einigen müssen. Warum sich da schon wieder der Staat einmischen muss, erschließt sich mir nicht.

Bitterfelder Spatz: Es gibt freie Lehrstellen, aber auch Schüler ohne Ausbildungsplatz – ein Widerspruch?
Carola Schaar: Nicht notwendigerweise. Zunächst muss man sehen, dass die schiere Zahl der Jugendlichen insgesamt gesunken ist. Wir haben also ein quantitatives Problem. Darüber hinaus aber gibt es auch ein qualitatives Problem: Ein Teil der Jugendlichen hat nicht die notwendige Ausbildungsreife – oftmals weder für den angestrebten Beruf noch für die freie Lehrstelle. Hier leisten die Unternehmen schon einiges, so werden zum Beispiel Instrumente wie etwa die Einstiegsqualifizierung oder auch eigene Nachhilfemaßnahmen genutzt. Diesen Aktivitäten sind aber Grenzen gesetzt, denn letztendlich geht es um einen qualifizierten Facharbeiterabschluss, eine Fachkraft von morgen.

Bitterfelder Spatz: Wie schätzen Sie die sozialen Kompetenzen der Jugendlichen ein?
Carola Schaar: Von den Unternehmen wird bei einem Teil der Jugendlichen durchaus eine unzureichende Leistungsbereitschaft, Motivation und Disziplin bemängelt. Höflichkeit etwa ist in Dienstleistungsberufen eine unabdingbare Voraussetzung. Der Grundstein für soziale Kompetenzen wird natürlich in der Familie – aber auch in der Schule und in der Gesellschaft insgesamt – gelegt. Förderlich für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen wie Teamgeist, Empathie und Ausdauer können auch sportliche Aktivitäten sein. Die Entwicklung von sozialen Kompetenzen der Jugendlichen ist unsere gemeinsame Aufgabe.
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