Skyscraper
aktualisiert am 09.11.2015 um 18:19:43

Überlagert – Fotografien mit Überraschungseffekt

Wolfen (red). In einer Filmfabrik eine Fotoausstellung zu zeigen, klingt nun nicht nach einer außergewöhnlichen Idee. Und selbst, wenn es sich dabei um analoge Fotografie handelt, so liegt das immer noch im Rahmen des Erwartbaren. Wenn aber der klassische Fotofilm, der hierzu benutzt wird, schon 20 Jahre und mehr überlagert ist, dann fängt die Sache doch an ungewöhnlich zu werden.
 
Bei einem Streifzug durchs Internet fiel Uwe Holz, dem Leiter des Industrie- und Filmmuseums Wolfen, eine Gruppe auf, die sich genau in diesem ungewöhnlichen Bereich der Fotografie tummelt. Sicher gibt es im Zeitalter der digitalen Fotografie einfachere Methoden zu Bildern zu kommen. Vor allem zu qualitativ besseren Aufnahmen. Und es ist ja mit der Digitalisierung der Fotografie geradezu unmöglich geworden, technisch schlechte Bilder zu machen. Ein Punkt, der einige Fotografien zum Nachdenken brachte. Was tun? Eine Antwort auf den fortschreitenden digitalen Perfektionismus ist die Lomografie, die mittlerweile eine gewisse Bekanntschaft erlangt hat.
 
Eine andere Antwort sind die Arbeiten, die nun vom 21.November 2015 bis zum 24. Januar 2016 im Industrie- und Filmmuseum Wolfen zu sehen und von den Amateurfotografen Christel und Ewald Lücke, Peter Schwindt, Birgit Streich, Roger Schmidt, Steffen Löser, Michael Dörr und Maike Venzel-Terbrüggen angefertigt worden sind.
 
Wieso fotografiert jemand mit überlagertem Film? Ein Grund ist sicherlich der sich immer einstellende Überraschungseffekt, wenn der Negativfilm aus dem Entwicklerbad kommt. Wie sehr war der Film überlagert? Wie hat sich die Körnigkeit verändert? Sind eventuell noch andere Folgen langer Lagerung aufgetreten? So wird jede überlagerte Filmpackung zur Überraschungstüte.
 
Beim genaueren Betrachten der Aufnahmen, die in Wolfen in der Mehrzahl als Print vom Scan vorliegen, entdeckt der Betrachter eine längst verloren geglaubte Patina, die wahrscheinlich als Funktion per Knopfdruck von jedem besseren Bildbearbeitungsprogramm abgerufen werden könnte. Nur halt mit dem Unterschied, dass es sich hier um den analogen Originaleffekt handelt.
 
Die von Natur aus instabile Filmchemie entwickelt ein immer stärkeres Eigenleben und lässt sich bei weitem nicht so steuern wie die bits und bytes auf einem Datenträger.
 
Kontrollverlust über das Arbeitsmaterial zuzulassen und zum Prinzip einer Gestaltung zu machen, dazu gehört ein wenig fotografischer Mut. Der Mut, Dinge nun einfach mal passieren zu lassen. Ein Paradigmenwechsel. Denn eigentlich dient jeder einzelne Knopf an der Kamera doch genau dazu, die Kontrolle über das Ergebnis zu behalten.
 
Die Ausstellung führt auch vor Augen, dass sich mit der digitalen Fotografie unsere Art und Weise, wie wir Bilder betrachten, verändert hat. Technische Parameter haben, wie oft zu hören, eine sehr hohe Bedeutung erlangt, die Motiv und Gestaltung, die Schaffung von Atmosphäre rücken öfter (immer öfter?) in den Hintergrund. Mit technischer Perfektion in der Abbildung können die in Wolfen gezeigten Aufnahmen nicht punkten.
 
Aber vielleicht ist es genau das, was die Bilder aus der uns umgebenden Bilderflut hebt. Und vielleicht ist es genau das, was die ausstellenden Fotografen zu dieser Art von Arbeit geführt hat. Sie alle arbeiten auch mit hochwertiger digitaler Ausstattung und wissen, was auf diesem Wege machbar ist und wäre. Und dennoch ist für sie der analoge Weg mit unberechenbarem Material auch eine weitere Möglichkeit, sich fotografisch kreativ zu betätigen.
 
Ob diese Art der Lichtbildnerei in die Unzahl von Retro-Bewegungen einzuordnen sind, muss nun jeder für sich selbst entscheiden. Aber vielleicht verhält es sich hier wie mit der CD und der Platte aus Vinyl. Auf jeden Fall aber ist Dialog zwischen Bild und Betrachter möglich.
 
Kommentar abgeben

E-Paper

aktuelle Ausgabe

aktuelle E-Paper Ausgabe

E-Paper Archiv die letzten drei Ausgaben

 

Spatz Videos

Video

Video

Anzeige

Rectangel

Aktuelle Wochenangebote von ALDI

Aktuelle Wochenangebote von ALDIArchiv

Amtsblatt des Landkreises Anhalt-Bitterfeld

Amtsblatt