Waschen, schneiden,  föhnen und Co
Luisa Schäfer (20) ist bei der Figaro Bitterfeld GmbH Auszubildende im 1. Lehrjahr. Insgesamt werden zur Zeit acht Lehrlinge im Ausbildungssalon des Bitterfelder Traditionsunternehmens ausgebildet.
Foto: STEFAN JULIUS
aktualisiert am 10.11.2015 um 16:33:12

Waschen, schneiden, föhnen und Co

Bitterfeld (ts/red).   Waschen, schneiden, föhnen und das seit über 57 Jahren bei der Figaro Bitterfeld GmbH - davon ein halbes Jahrhundert im Dienste der Schönheit. Das sind 50 Jahre „Schön“ ist Trumpf in der Lehrausbildung. Friseure sind heutzutage längst mehr als nur für das Haareschneiden zuständig. Sie müssen wissen, was „in“ ist.

Vor über einem halben Jahrhundert hat alles mit 15 selbstständigen Handwerksmeistern und mit insgesamt 90 Beschäftigten begonnen, genaugenommen am 15. Juli 1958. Damals gründeten die Handwerksmeisterinnen und Handwerksmeister die Produktionsgenossenschaft des Friseurhandwerks (Figaro), kurz PGH genannt. In dieser Zeit konnte man neben einem akkuraten auch noch einen guten preislichen Schnitt  machen.

Ein Herrenschnitt kostete seinerzeit 70 Pfennige, eine Dame war, abhängig von der Frisur, zwischen 3 und 15 Mark dabei. Mit der Wende galt es aber auch für die PGH-Mitglieder, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Waren es beispielsweise zu DDR-Zeiten rund 80 Prozent der Bevölkerung, die einen Friseur aufsuchten, sank deren Zahl bis heute auf 40 Prozent. Dennoch hat es die jetzige Figaro Bitterfeld GmbH, die 1991 aus der ehemaligen BGH hervorging, geschafft, sich am Markt zu behaupten. Heute zählt das Unternehmen rund 80 Mitarbeiter, die in 13 Salons in Bitterfeld, Wolfen, Sandersdorf-Brehna, Bad Düben und Delitzsch getreu ihrem Motto, „Schönheit von Kopf bis Fuß“ an die Frau oder an den Mann bringen.

Jetzt blickt das Unternehmen bereits auf 50 Jahre Ausbildung im Friseurhandwerk zurück. „Weil der Figaro GmbH die Ausbildung des eigenen Nachwuchses sehr wichtig ist und am Herzen liegt, haben wir uns dazu entschlossen, einen eigenen Ausbildungssalon zu eröffnen“, erinnert sich Figaro-Geschäftsführerin und Friseurmeisterin Silvana Walter an die Anfänge zurück. Gut 14 Jahre ist das jetzt her. „Angehende Friseure sollten kommunikationsfähig und vor allem auch kreativ sein“, so die Chefin des Hauses. Auch trägt der Ausbildungssalon einen eigenen Namen:

„Figaro Junior-Team „ - das findet die Ausbildungsleiterin und Friseurmeisterin Pia Seelmann kreativ. Waren es vor 50 Jahren eher die einfachen Frisuren bei den Herren und in der Regel toupierte Hochsteckfrisuren mit viel Volumen oder eine Föhnwelle mit etwas Glamour  bei den Damen, so hat sich das Friseurhandwerk ein Stück weit verändert.

Ein Friseur von heute ist nicht nur Haareschneider, sondern ein Kreativer, ein Traumerfüller, ein Schönfärber, ein Seelenretter und vor allem ein Zuhörer. Wie Pia Seelmann weiß, wartet auf das elfköpfige Junior-Team  tagtäglich eine neue Herausforderung. „Was der Kunde will, kann er nicht immer klar ausdrücken. Das ist eine der ersten Lektionen neben der dreimonatigen Basisausbildung an Trainingsköpfen, was wir unserem Junior-Team  im ersten Ausbildungsjahr vermitteln“, so die Leipzigerin. „Doch mit geschicktem Nachfragen bekommen Karina Neddermeyer und ihre Kolleginnen heraus, was die genauen Vorstellungen unserer Kunden sind.

Auch Berührungsängste dürfen unsere Azubis nicht haben, denn sie sitzen immer nahe am Kunden.“ Die Ausbildung zur Friseurin oder zum Friseur dauert drei Jahre. Waschen, schneiden, legen - in dieser Zeit ist alles dabei. Ein akkurater Bob oder eine gestufte lange Mähne. Fast genauso vielfältig wie die Frisuren sind auch die Haarschneidetechniken. Daneben lernen die Auszubildenden Kunden zu beraten, den Zustand von Haaren und Nägeln zu beurteilen und natürlich auch Termine zu planen. „Kreativ sollen unsere Lehrlinge auch sein. Sie sollen die Freude an der Schönheit mitbringen und Freude daran haben, andere Menschen zu verschönern“, sagt die gelernte Friseurin und heutige Chefin Silvana Walter.  

Und die angehenden Fachkräfte sollten auch wissen, was gerade „in“ ist. Pia Seelmann ergänzt: „Angehende Juniorfriseure sollten auch beachten, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes Haltung bewahren müssen, denn ein Großteil ihrer Zeit verbringen sie im Stehen.“ Was den Figaro-Verantwortlichen wichtig ist? Dass die Friseurinnen und Friseure, auch die Auszubildenden, nicht nur einen guten Haarschnitt hinlegen, sondern auch einen guten Schnitt bei der Entlohnung machen. Dieses Thema stellte sich mit der Einführung des Mindestlohnes im Hause nicht, hier gibt es schon seit vielen Jahren faire Löhne.

Das freut ganz besonders die Ministerin für Gleichstellung und Justiz, Prof. Dr. Angela Kolb. „Friseurin ist nach wie vor ein typischer Frauenberuf, der in der Vergangenheit oft als Beispiel für schlechte Bezahlung diente.

Die Figaro Bitterfeld GmbH hat schon lange vor der Einführung des Mindestlohnes für eine faire Bezahlung gesorgt. Auch die Einrichtung eines eigenen Ausbildungszentrums verdient Anerkennung.

Das ist der richtige Weg, dass es gar nicht erst zu Nachwuchssorgen kommt“, so Kolb. Für die Ministerin sind der Mittelstand und vor allem das Handwerk das Rückgrat der sachsen-anhaltinischen Wirtschaft. Kolb bemängelt aber auch, dass zu viele junge und gut qualifizierte Menschen in den letzten Jahren abgewandert sind.

Eine, die es betrifft, ist Karina Neddermeyer, Auszubildende im zweiten Lehrjahr. Bei Figaro setzt man große Hoffnung in die 26-Jährige und deren berufliche Perspektiven im Unternehmen. „Ich habe bereits eine Ausbildung zu Restaurantfachfrau absolviert. Aber das lag mir gar nicht.

Als angehende Friseurin kann ich mich voll entfalten, lebe die Vielfalt und vor allem Kreativität dieses Berufes voll aus“, freut sich die Auszubildende im zweiten Jahr. „Ich wollte mich selber verwirklichen und mehr Zeit für meinen Partner, Freunde und Familie haben... meine Schwester gab mir den nötigen Impuls und ich kann mir sehr gut vorstellen, nach meiner Lehre meinen Meisterbrief zu machen und eine Filiale zu leiten“, so die Zukunftsvision der angehenden Friseurin.

Für das Figaro Junior-Team ist nach dem Jubiläum wieder Alltag angesagt. Es geht wieder weiter mit Haareschneiden, waschen, föhnen und legen, mit Nagelpflege und pflegender Kosmetik sowie dem Haarersatz, den Themen der dreijährigen Ausbildung.