Skyscraper
132 Jahre Knast-Geschichte(n)
Das imposante Backsteingebäude ist nur ein Teil des großen Gebäudekomplexes, der heute leer steht.
Foto: STEFAN JULIUS
aktualisiert am 10.03.2017 um 16:26:17

132 Jahre Knast-Geschichte(n)

Dessau (ak). Die einen verbinden weniger angenehme Erinnerungen mit der Adresse Willy-Lohmann-Straße 27 in Dessau. Für die anderen war die Justizvollzugsanstalt (JVA) ein ganz normaler Arbeitsplatz. Es liegt also ganz in der Sicht des Betrachters, ob dieser spezielle  „verlorene Platz“ Wehmut, Angst, Wut oder Gleichgültigkeit auslöst.

Fakt ist, dass die Schließung der Haftanstalt, die Kriege, Revolutionen und Systemwechsel miterlebt hatte, in Dessau auf Unverständnis stieß. Waren doch noch bis zuletzt erhebliche Mittel in die Modernisierung der Haftanstalt geflossen.

Nach 132 Jahren ging im Oktober 2015 das Licht im Dessauer Knast endgültig aus. Im offiziellen Sprachgebrauch handelte es sich bis dahin um eine An­­stalt des ge­­schlossenen Vollzugs für er­­wachsene männliche Strafgefangene mit einer Un­­tersu­­chungshaftabteilung für ju­gendliche, heranwachsende und Erwachsene männliche Un­­tersuchungsgefangene. Bis September 2015 war die Verteilung der Insassen auf die verbliebenen vier Haft- bzw. Jugendanstalten des Landes (Halle, Burg, Volkstedt und Raßnitz) abgeschlossen.

Neuer Hausherr der riesigen leerstehenden Immobilie mit den vergitterten Fenstern ist das Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA). Ein kleiner Teil des JVA-Geländes wird als Außenstelle der JVA Halle für den offenen Strafvollzug genutzt. Das in der damaligen Bismarckstraße neu erbaute Ge­­richtsgefängnis (Baubeginn: 1883) wurde am 17. September 1886 gemeinsam mit dem neuen Land- und Amtsgerichtsgebäude eingeweiht.  Bereits 1912 entstand in der Mariannenstraße ein Erweiterungsbau (heute Sozial- und Verwaltungsgericht). Das ehemalige Ge­­richtsgebäude prägt mit seinen roten Backsteinen, den erst 2009 wieder aufgesetzten imposanten Türmchen, den steinernen Wappen, die die Gerichtsbarkeiten in Anhalt darstellen und dem Eike-von-Repgow-Standbild das Stadtbild.

In einem Auszug aus dem Reglement der Anstalt von 1886 ist nachzulesen, dass in jeder Gefängniszelle folgende Utensilien vorhanden sein müssen: eine hölzerne Bettstelle mit Pritsche, ein hölzerner Tisch und Stuhl, eine Strohmatratze, ein Kopfpolster voll Heu und eine wollene Decke, ein Wasserkrug, das nötige Trink- und Essgeschirr, zwei Handtücher und ein Kamm sowie ein Spucknapf und ein Nachtgeschirr.

Trauriger Höhepunkt in den 132 Jahren Dessauer Gefängnisgeschichte ist die Vollstreckung von zwei Todesurteilen. Am 17. Januar 1934 wurde die Kommunisten Karl-Hans und Wilhelm Bieser aus Hecklingen auf dem Gefängnishof mit dem Handbeil hingerichtet. Im März 1945 wurden auch große Teile des Land- und Amtsgerichtes, der Oberstaatsanwaltschaft und des Gerichtsgefängnisses im Bombenhagel zerstört. Der Wiederaufbau be­­gann 1950.

Die Arbeiten wurden zu großen Teilen von den Häftlingen verrichtet. Danach folgte ein für aus Sicht von vielen Betroffenen dunkles Kapitel als Jugendhaus.

In den vier Jugendhäusern, die es zu DDR-Zeiten gab, wurden jugendliche Rechtsbrecher un­­ter Bedingungen des Strafvollzugs untergebracht. Während ehemalige Mitarbeiter des Strafvollzuges in Dessau hervorheben, dass die jungen Leute hier ihren Schulabschluss nachholen, in der anstaltseigenen Be­­rufsschule einen vollgültigen Berufsabschluss erwerben, sinnvoller Beschäftigung in Arbeitsgemeinschaften nachgehen konnten und sogar Theaterbesuche an der Tagesordnung waren, ist von früheren Insassen auf knast.net von militärischem Drill, drakonischen Strafen, Jugendhölle und Zwangsarbeit in ehemaligen Großbetrieben zu lesen.

Es bedarf sicher einer unabhängigen Aufarbeitung dieses Kapitels DDR-Geschichte, da unter den Inhaftierten nicht nur Kriminelle, sondern auch Republikflüchtlinge und politisch Andersdenkende waren. Zur Wende saßen in Dessau 455 männliche Gefangene und 398 weibliche Insassen (Außenstelle an der Magnetbandfabrik) ein. Von diesen wurden bis Februar 1990 375 Männer und 394 Frauen dank eine Amnestie entlassen. In die Modernisierung und in die Ausbruchssicherheit der Gebäude wurden in den folgenden Jahren mehrere Millionen Mark investiert. Für die Raumgestaltung der Arrestzellen wurden Psychologen hinzugezogen, die warme, sonnige Farben  empfahlen. Jede Station verfügte über eine eigene Küche, die von den Häftlingen genutzt werden konnte. Vergitterte Fenster, kameraüberwachte Flure, hohe Mauern mit Stacheldraht - heute ist von all dem nur noch wenig zu sehen. Die Innausstattung und sogar ein Großteil der Zellentüren wurden nach der Schließung in andere Anstalten des Landes überstellt. Das Backsteingebäude des ehemalige Land- und Amtsgerichtes, in dem zuletzt die Leitung der JVA untergebracht war, strahlt nach wie vor einen besonderen Charme aus. Im Inneren führt ein imposanter Treppenaufgang mit schmiedeeisernen, reich verzierten Gittern aus der Werkstatt des Technik- und Autopioniers Friedrich Lutzmann hinauf zum großen Schwurgerichtssaal.

Gefängnis Museum

Eine großes Modell, das Häftlinge originalgetreu bis ins kleinste Detail von der JVA angefertigt haben, eine Zelle aus dem 19. Jahrhundert und eine umfangreiche Ausstellung ist im Gefängnis Museum Dessau zu sehen, das bislang nur im Rahmen einer vorher angemeldeten Führung besichtigt werden kann. Der Verein „Das Gerichtsgefängnis zu Dessau“ e. V. hat sich im Januar 2013 mit dem Ziel gegründet, den in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Dessau-Roßlau befindlichen Fundus für die Nachwelt zu erhalten.

Ausführliche Infos gibt‘s unter www.jva-museum-dessau.de.

Buchtipp &Verlosung: Lost Places

Mit verlorenen Orten im Land befasst sich auch ein neues Buch aus dem Mitteldeutschen Verlag. In „Urban Explorer - Lost Places in Sachsen-Anhalt“ finden sich Neuentdeckungen verlorener Orte in Sachsen-Anhalt des Fotografen Marc Mielzarjewicz und einige seiner Lost-Places-Favoriten aus den bisherigen Veröffentlichungen. Deren Geschichte und einstige Nutzung zeichnen Sabine Ullrich und Erik Neumann in kurzen Porträts nach. Das Buch hat 320 Seiten, ist 140 × 220 mm groß und zeigt Schwarz-Weiß-Fotos. Es kostet 19,95 Euro. ISBN 978-3-95462-734-9. Der Bitterfelder Spatz verlost insgesamt neun Exemplare des Buches. Dafür einfach bis 4. April eine E-Mail mit dem Betreff „Vergessene Plätze“ und eigenen Angaben senden an redaktion@bitterfelder-spatz.de.

Das Los entscheidet, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Beachten Sie bitte auch die Hinweise im Impressum.

 
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