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Eine noch größere Katastrophe verhindert
Heute erinnert nichts mehr an den damaligen PVC-Betrieb des elektrochemischen Kombinats Bitterfeld. Zeitzeuge Peter Krüger steht an der Stelle, wo der Chemieunfall damals passiert ist. In der Nähe der Rudolph Glauber Straße stehen nur noch Bäume.
Foto: STEFAN JULIUS
aktualisiert am 02.06.2018 um 18:16:22

Eine noch größere Katastrophe verhindert

Bitterfeld-Wolfen (stj). „125 Jahre Chemieregion“ ist schon eine sagenhafte Leistung und eine wahre Erfolgsgeschichte, wie zum Beispiel die Entwicklung des ersten Farbfilms und der ersten Kunstfaser, auf die man hier in der Region zurückblicken kann. 

Allerdings hat auch jede Erfolgsgeschichte ihre Schattenseiten, so wie die Schädigung der Umwelt und die Industrieunfälle so auch 2017 der Brand bei Fehr. 

Der Greppiner Peter Krüger wird deshalb den 11. Juli 1968 in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen.   Noch heute vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht an den schrecklichen Chemieunfall im damaligen elektrochemischen Kombinat Bitterfeld (EKB, später Chemiekombinat Bitterfeld) denken muss und in wenigen Tagen jährt sich dieses einschneidende Ereignis zum 50. Mal. Damals sind dort im EKB nach einer Vinylchlorid-Explosion  42 Personen ums Leben gekommen und über 200 verletzt wurden. Der Chemieunfall war einer der schwersten Industrieunfälle in der DDR.

Der heute 74-jährige Zeitzeuge Peter Krüger war damals 24 Jahre jung und arbeitete damals etwa 500 Meter Luftlinie entfernt vom Unglücksort. Er erinnert sich an den Tag, als wäre es gestern. „Ich hatte gerade die zweite Schicht in der Schlagpresserei der Kunststoffproduktion begonnen, stand an meinem Arbeitsplatz an der Werkbank und bereitete meine Arbeit vor. Auf einmal hat alles gewackelt, es kam eine Druckwelle, welche mich ausgehoben hatte und über die Werkbank geschleudert und dann, etwas verzögerter, kam ein lauter ohrenbetäubender Knall“, schildert Peter Krüger den Moment des Unglücks.

„Kaum wieder zu mir gekommen hab ich dann völlig automatisch sofort die Produktion bei uns im Betrieb abgestellt und bin sofort los, um zu schauen was passiert war. Meine Mutter hat 50 Meter weiter im Nachbarbetrieb gearbeitet, sie habe ich gefunden und ihr war zum Glück nichts passiert. Weiter bin ich dann zur Unglückstelle, wo sich ein Bild des Grauens zeigte und wenig später auch Feuerwehren eintrafen. Leute waren eingeklemmt, verschüttet oder hatten andere Verletzungen. Ich wollte nur noch helfen“, erinnert sich Peter Krüger. 

„Nach wenigen Löscharbeiten der Einsatzkräfte habe ich ihnen dann mit geholfen nach Verletzten, unter anderem im Umkleidetrakt des Betriebs, zu suchen. Für einige kam allerdings jede Hilfe zu spät. Erst wenige Jahre vorher war ich selbst in diesem PVC-Betrieb tätig und habe die Autoklaven bedient, die nun zu explodieren drohten. Nun galt es nur noch Schlimmeres zu verhindern. Darauf machte ich nun die Einsatzkräfte der Feuerwehren aufmerksam. Denn in den Autoklaven, wovon noch glaube drei in Betrieb waren, befanden sich  jeweils etwa 4000 Liter hochexplosives Vinylchlorid Gas (VC). Von denen mussten die Ventile aufgedreht und das Gas abgelassen werden, um eine Explosion zu verhindern. Mit Hilfe der Feuerwehr und unter Lebensfahr gelang es mir den Druck von den Kesseln abzulassen. Außerdem mussten auch noch Eisenbahnwagons aus dem Gefahrenbereich entfernt werden“, schildert der Lebensretter.

„Es galt nur noch zu funktionieren und zu helfen. Durch meine Zeit im PVC-Betrieb habe ich die Katastrophe eigentlich kommen sehen und viele von den Getöteten und den Verletzten kannte ich persönlich. Für mein Handeln wurde ich damals mit mehreren Auszeichnungen, wie zum Beispiel von der FDJ geehrt, worauf man eigentlich auch hätte verzichten können, denn mir ging es am wenigsten um eine Auszeichnung“, sagt 
Zeitzeuge Peter Krüger abschließend.   

TV-Tipp
Am 7. Juni, 20.15 Uhr zeigt der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in seiner Sendereihe „Lebensretter“ einen Beitrag über den damaligen schweren Chemieunfall in Bitterfeld, wo auch Zeitzeuge Peter Krüger im Beitrag zu sehen ist.

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