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Von der Schmiede zur Wärmepumpe
Jens Franzen (48) und Vater Günter (71) vor ihrem Barkas/Framo V 901, Baujahr 1965, welcher noch lange als Firmenfahrzeugs des Betriebes sogar bis in die 2000er Jahre hinein genutzt wurde. Nun dient das alte Pritschenfahrzeug allerdings nur noch als Liebhaberstück.
Foto: STEFAN JULIUS
aktualisiert am 20.03.2020 um 16:35:20

Von der Schmiede zur Wärmepumpe

Zörbig (ts). Wenn Handwerksmeister Jens Franzen (48) durch das Rote Meer mit der Nummer 5 in Zörbig schreitet, dann hat das indirekt etwas mit Baden zu tun. Doch hier geht es nicht um Ägypten, obwohl es das in Zörbig auch gibt. Dieses Schreiten bedeutet: gehen über eine über 170-jährige Familientradition. Dort loderte einst das Schmiedefeuer, dort wo Christoph August Henze 1848 Schmiedearbeiten verrichtete. Jens Franzen arbeitet in der sechsten Generation der Familie. Von der Schmiede ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Dort steht heute eine moderne elektronisch gesteuerte Heizungsanlage mit Anbindung an eine App, welche über das Handy gesteuert werden kann. Zudem überwacht ein Computerprogramm die technischen Heizungsdaten und schlägt Alarm, wenn etwas nicht stimmt.

Doch wie fing es vor 172 Jahren im Jahre 1848 mit dem Familienbetrieb an? Belegt ist, dass im Protokollband der Schmiede-Innung (welches 1819 begann), Obermeister Henze als Beisitzer und Vorsteher vermerkt ist. Gemeint ist der Schmiedemeister Christoph August Henze, welcher im Roten Meer eine Schmiede besaß. Seinerzeit benötigten die Bauern und Landarbeiter nichts mehr als die Dienste einer Schmiede. Ein Vielzahl von Geräten für den Ackerbau, von Pflügen, über Wagenräder und Sensen bis zum hin zum Hufeisen, alles wurde in den ländlichen Schmieden hergestellt und repariert.

Glaubt man der Geschichte, dann ist der Berufsstand des Schmiedehandwerks eines, der wohl ältesten Handwerke, welches vor über 5.000 Jahren begann. Wie überall in der Welt, ist so auch in Zörbig ein Schmied ein begehrter Fachmann gewesen. Als wichtigstes Werkzeug gilt wohl damals wie heute der Schmiedeamboss. Dazu kommen der Hammer und Schmiedezangen. Alles zusammen erzeugte den hellen Klang der Hämmer, wenn diese beim Schlag auf das Werkstück gemeinsam mit dem Amboss erklangen.

Dort in der Schmiede von Meister Henze war immer Leben, ob Pferde ein neues Hufeisen bekamen, ob Schlosserarbeiten durchgeführt oder ob Werkzeuge hergestellt wurden. Sohn Franz August Henze übernahm den Schmiedebetrieb um 1880 herum. Aus seiner Ehe gingen vier Töchter hervor. Eine Tochter, Ida, heiratete den Schmiedemeister Otto Alwin Günther, der dann um die Jahrhundertwende die Werkstatt vom Schwiegervater übernahm.
Es ist eine schwierige Zeit, wie es der Historiker Reinhold Schmidt bezeichnet. Grund ist die zunehmende Industrialisierung. Es ist die erste Dokumentation des Handwerkersterbens.

Viele Handwerksbetriebe geben auf oder versuchen sich, ein zweites Standbein aufzubauen. So wird um die Jahrhundertwende auch in der Zörbiger Schmiede an- und umgebaut. Mit Viehzucht und einem offenen Ladengeschäft, versucht man die Verluste auszugleichen. Die Tochter Gertud vom Ehepaar Otto und Ida Günther bleibt der Familientradition treu und heiratete den Handwerksmeister Peter Franzen. Er ist es gewesen, der die Schmiede nach und nach in einen Installationsbetrieb umgestaltete.

Nach dem Krieg und zu DDR-Zeiten hat es die Firma Franzen als selbständiger Betrieb nicht leicht sich zu behaupten. Kundschaft gab es seinerzeit genug, doch der Staat drosselte die notwendigen Materiallieferungen, um die privaten Betriebe abzuschaffen. Dennoch lodert das Schmiedefeuer bis in die 60er Jahre hinein täglich und auch bis zur Wende wird es je nach Gebrauch immer wieder mal angefacht. Dennoch schaffen es die Brüder Günter und Wolfgang Franzen, einen dementsprechenden Beruf in der DDR zu erlernen, um den Betrieb weiterführen zu können. Die Werkstatt und das Geschäft übernimmt 1987 Handwerksmeister Günter Franzen, welcher das Angebot massiv erweitert. In diesen Zeiten werden immer mehr Warmwasserheizungen mit Schwerkraft verbaut, und die Politbonzen lockern nach und nach etwas die Bedingungen.

Nach der politischen Wende ändert sich wieder vieles. Jetzt gibt es ausreichend Material, jedoch auch wesentlich mehr Handwerksbetriebe und somit Konkurrenz. Dennoch setzt sich der Traditionsbetrieb erfolgreich durch. Am 1. April 2015 übernimmt Sohn Jens Franzen in der sechsten Generation den Familienbetrieb. Der heutige Chef ist stolz auf die lange Familien- und Handwerkstradition mit einer langen Geschichte. Diese Chronik möchte der 48-jährige Meister für Gas- und Wasserinstallationstechnik fortführen. Mittlerweile ist der Betrieb in der Umstellungsphase vom analogen ins digitale Zeitalter angekommen. Heute dreht sich vieles um Energieeffizienz sowie um energetische Werte und moderne sowie barrierefreie Bäder. Kohleheizungen sind out. Steuerlich begünstigt und gefördert werden unter anderem Wärmepumpen, Biomasse-Anlagen oder Gas-Hybridheizungen, die beispielsweise durch die Einbindung von Solarthermie einen Klimaschutzbeitrag leisten sollen. Ohne Rechentechnik und Smartphone geht da nicht mehr allzuviel. Ob die beiden Töchter vom jetzigen Firmenchef in die Familientradition einsteigen? Jens Franzen zuckt mit den Schultern, hofft jedoch, dass die 172 Jahre Familientradition nicht irgendwann stehen bleiben.

Wer wissen möchte, was es denn mit dem Roten Meer und Ägypten mitten in Zörbig auf sich hat, der sollte durch die Zörbiger Altstadt schlendern und anschließend das dort ansässige Heimatmuseum besuchen, dort erfährt man mehr über das Meer in Zörbig.

 
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